Echolot

Ein KI-Prognosemodell für kommunale Entscheidungen

Kommunale Vorhaben scheitern selten an der Fachplanung, sondern daran, dass die Reaktion der Bürgerschaft zu spät ernst genommen wird. Für Delitzsch habe ich deshalb ein Werkzeug gebaut, das vor einer Entscheidung einschätzt, wie sie in der Stadt ankommt.

Warum vorher wissen, wie es ankommt

Ob Parkgebühren in der Altstadt, eine Schulstandortfrage oder ein Bürgerentscheid: Dieselbe Maßnahme trifft in Delitzsch auf sehr unterschiedliche Lebenslagen. Wer nach Leipzig pendelt, bewertet ein Vorhaben anders als jemand, der seit Jahrzehnten in einem der Ortsteile lebt.

In der Praxis zeigt sich diese Spannung oft erst in der Bürgerfragestunde, im Leserbrief oder am Abstimmungsabend. Dann ist das Vorhaben fertig geplant und nur noch schwer zu korrigieren. Das Prognosemodell holt diese Frage an den Anfang des Prozesses.

Was das Modell leistet

Das Modell liefert zu jedem Vorhaben eine Annahme-Wahrscheinlichkeit als Prozentspanne, dazu die Begründung. Grundlage ist ein soziodemografisches Profil der Stadt: rund 25.500 Einwohner, ein Durchschnittsalter von etwa 48 Jahren, die Kernstadt mit Altstadt und Plattenbaugebieten und die eingemeindeten Ortsteile.

Jedes Vorhaben durchläuft drei Filter:

  1. Demografisch: Welche Altersgruppen sind betroffen, und was wiegt für sie schwerer, Sicherheit und Planbarkeit oder neue Angebote?
  2. Geografisch und milieuspezifisch: Kernstadt oder Ortsteil, Pendler oder lokal Verwurzelte? Wo entstehen Konflikte, wer fühlt sich übergangen?
  3. Nutzen, Kosten und Wahlverhalten: Eine spürbare Belastung heute wiegt schwerer als ein abstrakter Nutzen morgen. Dazu kommen die Mehrheiten im Stadtrat und die Beteiligung der einzelnen Gruppen.


Das Ergebnis ist immer gleich gegliedert: betroffene Zielgruppen, Score von „Deutliche Ablehnung“ bis „Hohe Zustimmung“, Kernargumente der Bürgerschaft, Stellschrauben für die Umsetzung und eine ehrliche Angabe, welche Daten gefehlt haben.

Woraus das Modell schöpft

Eine Prognose ist nur so gut wie ihr Material. Das Werkzeug verbindet deshalb verschiedene Quellen:

  • Das Ratsinformationssystem der Stadt. Einmal im Monat liest das Tool die öffentlichen Sitzungen, Tagesordnungen, Beschlussvorlagen, Anlagen und Protokolle ein, zurück bis zur Kommunalwahl im Juni 2024. Jede Vorlage wird ihrem Tagesordnungspunkt und ihrer Drucksachennummer zugeordnet. Zu einem neuen Vorhaben sucht das Tool die thematisch passenden Unterlagen selbst heraus.
  • Eine eigene Wissensbasis. PDFs und andere Dokumente lassen sich per Drag-and-drop hochladen, etwa Statistiken, Gutachten, Umfragen oder Presseartikel. Der Text wird beim Hochladen ausgelesen und ist im Volltext durchsuchbar. Jedes Dokument gilt entweder für alle Prognosen oder nur für ein bestimmtes Vorhaben.
  • Frühere Entscheidungen. Beschlüsse, Bürgerentscheide und Wahlen werden mit Ergebnis und Abstimmungszahlen erfasst. Sie fließen als Vergleichswerte in jede neue Prognose ein.


Die Grundannahmen zur Stadt, also Milieus, Ortsteile und Sitzverteilung, sind kein festes Programm. Sie stehen als Text in den Einstellungen und lassen sich jederzeit nachschärfen.

Der Abgleich macht das Modell ehrlich

Jede Prognose wird dauerhaft gespeichert, mit Score, Datum und den Quellen, auf die sie sich stützte. Fällt die Entscheidung, wird das tatsächliche Ergebnis nachgetragen, zum Beispiel „18 Ja, 11 Nein“ oder „58 % Ja bei 44 % Beteiligung“.

Daraus entsteht eine überprüfbare Bilanz: Wie oft lag die Prognose in der Richtung richtig, und wie weit lag sie im Mittel vom tatsächlichen Ja-Anteil entfernt? Zugleich fließt jede abgeschlossene Entscheidung samt ihrer damaligen Prognose in künftige Einschätzungen ein. Das Modell sieht also auch, wo es sich früher geirrt hat.

Technik und Betrieb

Das Werkzeug läuft auf gewöhnlichem Webhosting mit PHP und MySQL, ohne Cloud-Plattform und ohne externe Schriften oder Tracking. Der Zugang ist passwortgeschützt und für ein kleines Team gedacht. Die Auswertung übernimmt das Sprachmodell Claude von Anthropic über dessen Schnittstelle.

  • Kosten: Nur die Prognose selbst verbraucht Rechenleistung des Sprachmodells, der Import und die Suche nicht. Eine typische Prognose umfasst rund 25.000 bis 35.000 Tokens Eingabe. Das Tool zeigt die Größe vor jedem Lauf an, und Obergrenzen je Quelle halten die Kosten planbar.
  • Rücksicht auf die Stadt: Der Abruf aus dem Ratsinformationssystem erfolgt einmal im Monat und mit Pausen zwischen den einzelnen Anfragen. So wird der Server der Stadt nicht belastet.
  • Datenschutz: Es werden ausschließlich öffentlich zugängliche Ratsunterlagen und selbst hochgeladene Dokumente verarbeitet. Die Texte gehen zur Auswertung an das Sprachmodell. Personenbezogene Daten Dritter gehören deshalb nicht in die Wissensbasis.

Was das Modell nicht ist

Die Prognose ist eine heuristische Einschätzung, keine repräsentative Umfrage. Sie ersetzt weder Bürgerbeteiligung noch das Gespräch vor Ort, und sie trifft keine Entscheidung.

Ihr Wert liegt woanders. Sie zwingt dazu, ein Vorhaben früh aus der Sicht der Betroffenen zu durchdenken, und sie macht die eigenen Annahmen sichtbar und damit angreifbar. Wo Daten fehlen, sagt das Modell das ausdrücklich, statt eine Zahl zu erfinden. Und weil jede Prognose später am Ergebnis gemessen wird, lässt sich nachprüfen, ob sie etwas taugt.

Wie es weitergeht

Die erste Installation läuft, als Basis dient die Demografie und Import der Ratsunterlagen seit Juni 2024. Als Nächstes folgen die ersten Prognosen zu laufenden Vorhaben und der Abgleich mit den tatsächlichen Ergebnissen.

Das Prinzip ist nicht an Delitzsch gebunden. Grundlage sind ein öffentliches Ratsinformationssystem und ein ehrliches Profil der eigenen Stadt. Kommunen, Fraktionen oder Initiativen, die so etwas für ihren Ort ausprobieren möchten, können sich gern bei mir melden.

Echolot macht sichtbar, wie Entscheidungen in der Bürgerschaft ankommen, früh, begründet und am Ergebnis überprüfbar.

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